Warum Versorgungssicherheit und Fahrermangel im Zusammenhang stehen

Beitragsbeschreibung

8/23/20264 min read

Fahrermangel und Versorgungssicherheit – wenn nicht die Ware fehlt, sondern der Transport
Lebensmittel stehen nicht von selbst im Supermarktregal. Medikamente gelangen nicht von allein in Apotheken und Krankenhäuser. Ersatzteile erreichen keine Produktionswerke ohne Transport, und auch Tankstellen, Baustellen und Handelsunternehmen sind auf funktionierende Lieferketten angewiesen.

Zwischen Produktion und Verbrauch steht deshalb eine Ressource, über die vergleichsweise selten gesprochen wird:

der Berufskraftfahrer.
Der zunehmende Fahrermangel im Straßengüterverkehr ist damit weit mehr als ein Personalproblem einzelner Speditionen. Er kann zu einer Frage der Versorgungssicherheit werden.
Eine Lieferkette braucht nicht nur Waren – sie braucht Transportkapazität

Versorgungssicherheit wird häufig mit verfügbaren Waren, Energie oder Produktionskapazitäten verbunden.

Doch eine Ware kann produziert und in ausreichender Menge vorhanden sein – und trotzdem am falschen Ort stehen.

Ein einfaches Beispiel:

Ein Lebensmittelhersteller hat ausreichend Ware produziert. Das Zentrallager eines Handelsunternehmens benötigt die Lieferung. Fahrzeuge wären ebenfalls vorhanden.

Fehlt jedoch der Fahrer, bleibt der Lkw stehen.

Die Ware existiert – aber die Transportleistung findet nicht statt.

Genau an dieser Stelle treffen Fahrermangel und Versorgungssicherheit unmittelbar aufeinander.

Der Straßentransport übernimmt die entscheidenden Kilometer

Andere Verkehrsträger wie Bahn und Binnenschiff sind für leistungsfähige Lieferketten unverzichtbar. Sie können den Lkw jedoch nicht überall ersetzen.

Selbst wenn ein Container einen großen Teil seiner Strecke auf der Schiene zurücklegt, muss die Ware häufig zunächst zum Terminal und anschließend vom Terminal zum Empfänger gelangen.

Supermärkte, Apotheken, Restaurants, Produktionsbetriebe oder Baustellen besitzen schließlich in den seltensten Fällen einen eigenen Gleisanschluss.

Der Straßengüterverkehr übernimmt deshalb insbesondere in der regionalen Verteilung eine zentrale Funktion.

Was passiert, wenn Fahrer fehlen?

Fahrermangel bedeutet nicht automatisch, dass am nächsten Morgen die Supermarktregale leer sind.

Die Auswirkungen entwickeln sich zunächst wesentlich unspektakulärer.

Eine Spedition kann beispielsweise 50 Fahrzeuge besitzen, aber nur noch 45 davon besetzen. Damit fehlen fünf mögliche Touren.

Zunächst versucht die Disposition gegenzusteuern:

Touren werden zusammengelegt, Aufträge verschoben, Subunternehmer gesucht und Fahrzeuge stärker ausgelastet.

Damit kann ein Unternehmen fehlende Kapazitäten eine gewisse Zeit auffangen.

Problematisch wird es, wenn diese Reserven immer kleiner werden.

Dann stellt sich nicht mehr nur die Frage:

„Welcher Fahrer übernimmt welchen Auftrag?“

Sondern:

„Welchen Auftrag können wir überhaupt noch fahren?“

Versorgungssicherheit zeigt sich besonders in Ausnahme -situationen

Ein dauerhaft angespannter Fahrerarbeitsmarkt macht Lieferketten vor allem dann anfällig, wenn zusätzliche Belastungen auftreten.

Zum Beispiel bei:

  • extremen Wetterlagen,

  • saisonalen Spitzen,

  • Feiertagsverkehren,

  • Produktionsstörungen,

  • erhöhtem Krankenstand,

  • Grenz- oder Verkehrsbehinderungen,

  • kurzfristig steigender Nachfrage.

In einem System mit ausreichenden Reserven können zusätzliche Transporte organisiert werden.

Sind Fahrzeuge und Fahrer dagegen bereits vollständig ausgelastet, fehlt dieser Puffer.

Der Fahrermangel reduziert damit nicht nur die vorhandene Transportkapazität – er reduziert auch die Reaktionsfähigkeit einer Lieferkette.

Ein Beispiel aus dem Lebensmittelhandel

Angenommen, ein Zentrallager versorgt täglich 80 Supermärkte.

Normalerweise werden dafür 20 Lkw-Touren benötigt.

Durch Fahrermangel können an einem bestimmten Tag jedoch nur 17 Touren besetzt werden.

Nun muss entschieden werden:

Welche Filialen werden zuerst beliefert?

Welche Ware ist besonders dringend?

Welche Lieferung kann auf den nächsten Tag verschoben werden?

Ein einzelner ausgefallener Transport führt wahrscheinlich noch nicht zu sichtbaren Versorgungsproblemen.

Passiert dies jedoch regelmäßig, entstehen Rückstände.

Aus einem Personalproblem des Transportunternehmens wird damit schrittweise ein Problem der Lieferkette.

Besonders kritisch: zeitkritische Güter

Nicht jede Lieferung besitzt die gleiche Dringlichkeit.

Bei Möbeln oder manchen Industriegütern kann eine verspätete Lieferung ärgerlich und teuer sein.

Bei anderen Waren ist der zeitliche Spielraum wesentlich kleiner.

Dazu gehören beispielsweise Lebensmittel, pharmazeutische Produkte, medizinische Güter oder bestimmte Produktionsmaterialien.

Auch Just-in-time- und Just-in-sequence-Prozesse in der Industrie sind darauf angewiesen, dass Transporte innerhalb enger Zeitfenster eintreffen.

Fehlt Transportkapazität, können deshalb Auswirkungen weit über das eigentliche Transportunternehmen hinaus entstehen.

Warum lässt sich das Problem nicht einfach durch mehr Lkw lösen?

Weil ein Lkw ohne Fahrer keine Transportleistung erzeugt.

Das klingt banal, zeigt aber einen wichtigen Unterschied zu anderen Kapazitätsproblemen.

Ein Unternehmen kann zusätzliche Fahrzeuge kaufen oder leasen. Es kann digitale Systeme zur Tourenoptimierung einsetzen und seine Disposition verbessern.

Doch irgendwann stößt jede Optimierung an eine physische Grenze.

Ein Fahrzeug muss gefahren, eine Wechselbrücke umgesetzt und eine Lieferung tatsächlich beim Empfänger abgeliefert werden.

Technologie kann Fahrer produktiver einsetzen. Sie ersetzt die benötigte Arbeitskraft im heutigen Straßengüterverkehr jedoch nicht vollständig.

Warum der Beruf selbst Teil der Versorgungssicherheit ist

Wer langfristig über Versorgungssicherheit spricht, muss deshalb auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Transportleistung entsteht.

Dazu gehören unter anderem:

Arbeitszeiten, Bezahlung, gesellschaftliche Anerkennung, sichere Lkw-Stellplätze, sanitäre Einrichtungen, Wartezeiten an Rampen sowie die Vereinbarkeit des Berufs mit Familie und Privatleben.

Auch Ausbildung und Berufszugang spielen eine Rolle.

Denn Versorgungssicherheit lässt sich nicht erst dann herstellen, wenn Transportkapazitäten fehlen.

Berufskraftfahrer müssen ausgebildet, qualifiziert und langfristig für den Beruf gewonnen werden.

Fahrermangel ist deshalb mehr als ein Branchenproblem

Für eine Spedition bedeutet Fahrermangel zunächst offene Stellen und unbesetzte Fahrzeuge.

Für einen Verlader bedeutet er möglicherweise steigende Transportpreise oder fehlende Kapazitäten.

Für Industrie und Handel kann er verspätete Lieferungen und geringere Planungssicherheit bedeuten.

Und für die Gesellschaft kann daraus letztlich eine Frage werden, wie zuverlässig Waren des täglichen Bedarfs ihren Bestimmungsort erreichen.

Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb:

Versorgungssicherheit endet nicht bei Produktion und Lagerbestand. Sie umfasst auch die Fähigkeit, Waren zuverlässig dorthin zu transportieren, wo sie benötigt werden.

Solange der Straßengüterverkehr einen wesentlichen Teil dieser Aufgabe übernimmt, sind ausreichend qualifizierte Berufskraftfahrer ein Bestandteil dieser Versorgungssicherheit.

Fazit

Der Fahrermangel wird häufig als Problem der Transportbranche betrachtet.

Das greift zu kurz.

Eine moderne Volkswirtschaft kann Waren produzieren, importieren und lagern – entscheidend ist aber auch, ob sie anschließend verteilt werden können.

Der Berufskraftfahrer bildet dabei eines der letzten und zugleich wichtigsten Glieder vieler Lieferketten.

Fehlen dauerhaft Fahrer, fehlt nicht unbedingt die Ware. Es fehlt die Möglichkeit, sie zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen.

Genau deshalb gehören Fahrermangel und Versorgungssicherheit unmittelbar zusammen.

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